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Haiku

Haiku

Ein Haiku nach traditionellem Vorbild besteht aus einem Vers zu drei Wortgruppen à fünf, sieben und fünf Moren (5-7-5). Eine japanische Silbe trägt eine Mora, wenn der Vokal kurz ist und die Silbe offen auslautet. Ein langer Vokal trägt zwei Moren. Ein am Schluss einer Silbe oder ein verdoppelter Konsonant (Sokuon, wörtlich “gespannter Laut”) tragen jeweils ebenfalls eine Mora. Die meisten rein japanischen Wörter bestehen aus Silben mit einer Mora. Silben mit mehreren Moren sind meist sinojapanischen Ursprungs.

Ein Beispiel:

“Nippon wa” ist die erste Zeile eines Haiku und besteht aus fünf Moren wie folgt: Ni+ p+ po+ n+ wa

Die Silbenzahl ergibt im Japanischen einen Sprechtakt, der einen ähnlichen Erinnerungswert besitzt wie im Deutschen die Reime.

Ein Haiku zeichnet sich traditionell durch folgende, inhaltliche Charakteristik aus: Es beschreibt in der Regel einen konkreten Naturgegenstand oder ein konkretes Ereignis. Dabei handelt es sich um die Beschreibung einer höchst individuellen und einzigartigen Situation, wie sie vom Dichter erlebt wird. Die dargestellten Dinge sind Repräsentanten erlebter Momente und der damit verbundenen Gefühle. Die Natur spiegelt die Erfahrungen der Seele wider, jene einzigartigen und flüchtigen Momente, die Vorkommnisse des Bewusstseins sind und die im Strom dieses Bewusstseins oft einfach untergehen. Objekte werden dabei stellvertretend und symbolhaft benutzt. So wird mit fallenden Blättern der Herbst und das Gefühl der Melancholie assoziiert.

Dem Bezug auf die Jahreszeit dienen Kigo, spezielle Wörter oder Phrasen, die in Japan allgemein mit einer bestimmten Jahreszeit in Verbindung gebracht werden.

Der Vorgänger des Haikus war das Tanka (5-7-5 und 7-7 Moren) und das Renga (eine Kette von Tanka). Ursprünglich verfassten mehrere Dichter Tanka bei geselligen Anlässen in gemeinsamer Improvisation: Der erste Dichter schuf das Hokku (Oberstrophe, 5-7-5) der zweite das Matsuku (Unterstrophe, 7-7). Diese Form des gemeinsamen Dichtens war auch als Waka (Antwortgedicht) bekannt. Später dichtete man in größeren Gesellschaften ganze Ketten von Tanka in einer Art Gesellschaftsspiel. Damit war das Haikai-Renga entstanden. Die Strophen knüpfen motivisch aneinander an.

Im 13. Jahrhundert finden sich die ersten belegten Herauslösungen des Hokku als eigenständige lyrische Form. In der folgenden Zeit war das Hokku als Scherzgedicht bei Hofleuten und Samurai beliebt. Ab dem 15. Jahrhundert begann sich das Hokku neben dem Tanka als eigenständige Versform zu etablieren. Noch ging es vorrangig um das Spiel mit Worten und Bildern. Doch schon in der Heian-Zeit gehörte es zur hohen Schule der Etikette, Gedichte zu schreiben. Sie waren häufig ein wichtiges Kommunikationsmittel in der Adelsgesellschaft. Die Verfasser guter Gedichte genossen hohes Ansehen.

Erst im 16. Jahrhundert, mit Beginn der Edo-Periode, entstand die Form, die wir heute als klassisches Haiku bezeichnen. Voraussetzung dafür waren einige Besonderheiten der Edo-Periode. Die Gesellschaft war geprägt durch ein feudalistisches Klassen- und Ständesystem. Zudem schottete sich Japan fast vollständig nach Außen ab. So entstand eine in sich geschlossene, scheinbar unveränderliche Welt. Durch dieses genau definierte Werte- und Symbolsystem hatten Dichter und Rezipienten über Jahrhunderte einen gemeinsamen, klar abgegrenzten Verstehenshintergrund. Veränderungen fanden nur im Detail statt. Und so war die Entwicklung der lyrischen Form Haiku geprägt von dem Bemühen, den noch treffenderen, noch genaueren Ausdruck zu finden, und nicht davon, Traditionen zu hinterfragen oder gar neue Formen zu entwickeln. Daher blieben Form und Inventar über Jahrhunderte hinweg so gut wie unangetastet. Einfluss auf die Entwicklung der Kunstform Haiku hatte auch das Gedankengut des Daoismus und des Zen-Buddhismus.

Heute gilt Matsuo Basho (1644-1694) als der erste große Haiku-Dichter. Sein Frosch-Haiku ist wohl das meistzitierte Haiku der Welt:

古池や furu ike ya  Der alte Weiher:

蛙飛び込む kawazu tobikomu  Ein Frosch springt hinein.

水の音 mizu no oto  Oh! Das Geräusch des Wassers.

Große Haiku-Dichter waren zudem Buson und Kobayashi Issa. Issa brach zuweilen mit der konventionellen 5-7-5 Form.

Wann der Begriff Haiku zum ersten Mal verwendet wurde, ist ungeklärt. Er ist wahrscheinlich aus dem “hai” von Haikai no Renga und dem “ku” des Begriffs hokku gebildet worden. Allgemeine Verbreitung erhielt es durch den Erneuerer der Haiku-Dichtung, Masaoka Shiki (1867-1902).

Nach Masaoka Shiki spaltete sich die Haiku-Dichtung in zwei Richtungen. Seine beiden bedeutendsten Schüler, Takahama Kyoshi (1874-1959) und Kawahigashi Hekigoto (1873-1937) gaben dem japanischen Haiku divergierende Impulse, die bis heute nachwirken. Hekigoto setzte die Reformen Shikis weiter fort und experimentierte mit der Form. Kyoshi erfand als Gegenbewegung gegen diese Experimente das “ traditionelle Haiku ”. Der beachtliche Einfluss Kyoshis zeigt sich heute noch an der weiten Verbreitung des “ traditionellen Haiku “ in Japan. Seiner Schule entwuchsen viele angesehene Dichter, (z.B. Mizuhara Shuoshi (1892-1981)).

Aus Hekigotos Bewegung entwickelte sich die freie Form des Haiku. Bedeutende Haiku-Dichter wie Ippekiro Nakatsuka (1887-1946), Ogiwara Seisensui (1884-1976), Ozaki Hosai (1885-1926) und vor allem Taneda Santoka (1882-1940), der zu den meistgelesenen Haiku-Autoren in Japan gehört, zählt man zu dieser Linie.

Auch das zeitgenössische, japanische Haiku hat hier eine seiner Wurzeln. Es entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als liberale Haiku-Bewegung, aufgrund der Erfahrungen während des japanischen Ultranationalismus. Die Haiku-Dichter der “shinko haiku undo” (Neue Haiku-Bewegung), die sich nicht mehr an die Vorgaben des “ traditionellen Haiku “ nach Takahama Kyoshi hielten, wurden verfolgt, verhaftet und gefoltert, ihre Zeitschriften wurden verboten. Takahama Kyoshi selbst wurde nach dem Krieg als Hauptverantwortlicher angesehen. Er war Präsident der Haiku-Abteilung der Patriotischen Gesellschaft für japanische Literatur ” (Nihon bungaku hokoku kai), eine dem Nachrichtendienst unterstellte staatliche Propaganda-Organisation zur Kontrolle kultureller Aktivitäten. In der heutigen Gendai Haiku-Bewegung finden sich unterschiedliche poetische Positionen, die sich gegenseitig tolerieren. Manche Dichter halten am 5-7-5 Muster fest, andere lediglich am Jahreszeitenwort, wieder andere lehnen beides ab.

Berühmte Haiku-Dichter:

Edo-Zeit

  • Matsuo Basho (1644-1694)
  • Yosa Buson (1716-1783)
  • Kobayashi Issa (1763-1827)

Seit der Meiji-Zeit

  • Masaoka Shiki (1867-1920)
  • Kawahigashi Hekigoto (1873-1937)
  • Takahama Kyoshi (1874-1959)
  • Taneda Santoka (1882-1940)
  • Ozaki Hosai (1885-1926)
  • Mizuhara Shuoshi (1892-1981)
  • Yamaguchi Seison (1892-1988)
  • Saito Sanki (1900-1962)
  • Hino Sojo (1901-1956)
  • Yamaguchi Seishi (1901-1994)
  • Nakamura Kusatao (1901-1983)
  • Ono Rinka (1904-1982)
  • Kato Shuson (1905-1993)
  • Furusawa Taiho (1913-2000)
  • Suzuki Masajo (1906-2003)
  • Mori Sumio (1919-)

 

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